Von Hildesheim in die Welt

Bereits seit 1890 besteht die Hildesheimer Blindenmission, deren Name den Blinden Asiens sehr gut bekannt ist. Gegründet wurde sie nicht etwa von bedeutenden Männern – nein, Frauen begannen diese Arbeit. Zum Ende des 19. Jahrhunderts ist dies sehr mutig. Eine junge Hildesheimerin begann 1890 Vorträge über das Schicksal blinder chinesischer Mädchen zu halten und Schriften darüber zu verfassen. Fräulein Luise Cooper war zu ihrer Zeit sicher keine normale Frau. Sie hatte sich zuvor von der Berliner Mission nach Hongkong entsenden lassen, musste jedoch nach zwei Jahren Dienst im fernen Asien aufgrund einer Krankheit nach Hildesheim zurückkehren. Doch das Schicksal der blinden Mädchen, die sie dort kennengelernt hatte ließ sie nicht los. Nach dem volkstümlichen buddhistischen Verständnis Chinas richtet sich die Qualität des gegenwärtigen Lebens nach der mehr oder weniger großen Schuld des Vorlebens. Man glaubte an die ständige Wiedergeburt. Als Mädchen geboren zu werden, galt als Strafe für böse Taten im Vorleben – waren sie dann auch noch blind oder behindert, so deutete das auf eine weitere, noch größere Schuld hin. Das Schicksal blinder Mädchen war es, verachtet und verstoßen oder vor den Türen buddhistischer Tempel abgelegt zu werden. Einige wurden sogar in die Sklaverei verkauft oder getötet. Frauen wurden verachtet, Behinderte ausgestoßen. Und nun sollte ausgerechnet blinden Mädchen von Europa aus geholfen werden? Fräulein Cooper glaubte daran. Als Christin konnte sie an diesem Leid nicht einfach vorübergehen ohne etwas zu tun. Sie war der Überzeugung, Gott habe sie berufen, diesen Kindern zu helfen. Gewiss würde er ihre Arbeit segnen, wenn sie nur anfinge. Und so begann sie zu schreiben, hielt Vorträge und gründete den Hildesheimer Missionshilfeverein, aus dem später die Hildesheimer Blindenmission e. V. hervorging. Ihre Appelle an die Mitmenschen, sich der Not des weiblichen Geschlechts in China, besonders aber der blinden Mädchen anzunehmen fand ein weltweites Echo und stieß auf eine bemerkenswerte Gebefreudigkeit. Es sollte fünf Jahre dauern, bis man genug Geld zusammen hatte, um die teure Überfahrt für eine Missionarin zu bezahlen und die Arbeit im fernen Asien zu beginnen.

Es war klar, dass es eine Frau sein sollte, die diese Reise unternahm. Doch welch ein persönliches Wagnis war das in jener Zeit! Die klassische Frauenrolle war die der Ehefrau und Mutter Missionarinnen blieben jedoch ledig, erlernten einen Beruf und konnten für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen. Sie waren unabhängig von der Versorgung durch einen Mann. Und nicht nur das: Sie verließen auch noch ihre Heimat und zogen hinaus in die Fremde, bereit, sich auf eine andere Kultur einzulassen, ihre Familien und Freunde oft für Jahrzehnte zu verlassen. Dies alles in einer Zeit, da die Reise nach China vier bis sechs Monate dauerte und ein Brief häufig ebenso lang unterwegs war. Als Europäerinnen in China waren sie einer Umgebung ausgesetzt, die Frauen nicht nur benachteiligte, sondern oft auch verachtete. Hinzu kam eine ungewöhnlich starke Fremdenfeindlichkeit. In diesem Land sollte eine Frau auch noch eine Arbeit mit den verstoßenen Blinden aufbauen? Die Johanniterschwester Martha Postler war dazu bereit. Sie hatte im Gottesdienst gehört, daß eine evangelische Jungfrau gesucht werde, in Kinder- und Krankenpflege erfahren, sprachbegabt und von guter Gesundheit, die bereit sei, nach China als erste Blindenmissionarin zu gehen. Martha Postler war sofort klar: Sie würde es tun. Im Oktober 1896 wurde sie in der Lamberti-Kirche in Hildesheim während eines Festgottesdienstes ausgesandt, und schon nach wenigen Monaten zeigten ihre Briefe aus Hongkong, dass sie sich erstaunlich gut eingelebt hatte und ihre Arbeit von der Bevölkerung erfreulicherweise akzeptiert wurde. Die Briefwechsel mit dem Hildesheimer Verein, aber auch mit ihrer Schwester weisen Martha Postler als eine humorvolle und liebenswerte Frau aus. Tatkraft, Wagemut und ein klarer Verstand ermöglichten es ihr eine Arbeit zu begründen, die sich heute über sechs asiatische Länder erstreckt. Den ersten blinden Mädchen, die sie nach Hongkong holte, folgten Tausende von Kindern die durch Projekte der Hildesheimer Blindenmission eine Chance auf ein lebenswertes Leben erhielten. Luise Cooper und Martha Postler waren starke Frauen, deren ungewöhnlicher Einsatz noch heute Früchte trägt. Auch wenn ihre Namen und Geschichten nur noch wenigen bekannt sind, ist es ihrer Initative zu verdanken, dass die Arbeit, welche sie begonnen haben, in Hildesheim wie in Asien geschätzt ist und auch weiterhin wächst und gedeiht.

Urfassung dieses Textes: Gisela Schulte: Frauen tragen die Hälfte des Himmels. Hervorragende Frauen in der Arbeit der Hildesheimer Blindenmission. Hildesheimer Blindenmission, Hildesheim 2000.

 
Luise Cooper (HBM)
Martha Postler (1860–1904) – Die erste Blindenmissionarin der HBM